Bis zu welchem Stadium macht der Kampf um den Erhalt des Zahnes Sinn?
Dr. Dirk Steinmann, Fachzahnarzt für Parodontologie und erfahrener Implantologe in der Fachpraxis am Frauenplatz in München, erläutert, wann der Erhalt eines natürlichen Zahnes sinnvoll ist – und wann ein Implantat langfristig die verlässlichere Option sein kann.
Das Wichtigste in Kürze
Solange ein natürlicher Zahn sinnvoll erhalten werden kann, hat der Zahnerhalt für Dr. Dirk Steinmann grundsätzlich Vorrang. Entscheidend ist nicht allein, ob ein Zahn noch behandelt werden kann, sondern wie verlässlich seine langfristige Prognose ist. Auch die persönliche Situation des Patienten, sein Alltag, zeitliche Möglichkeiten und finanzielle Rahmenbedingungen fließen in die Entscheidung ein. Ein Implantat kann einen fehlenden Zahn funktionell sehr gut ersetzen. Biologisch bleibt es jedoch ein Ersatz für den natürlichen Zahn. Bei stark vorgeschädigten Zähnen kann ein Implantat die langfristig besser planbare und verlässlichere Lösung sein. Ziel ist weder Zahnerhalt um jeden Preis noch eine möglichst schnelle Implantation, sondern eine medizinisch sinnvolle und individuell tragfähige Entscheidung.
Im Gespräch mit Dr. Dirk Steinmann
Der Erhalt des eigenen Zahnes hat für Dr. Dirk Steinmann einen hohen Stellenwert. Gleichzeitig gehört für ihn zu einer verantwortungsvollen Behandlung auch die Frage, wie gut die gewählte Lösung langfristig vorhersehbar ist.
Im Gespräch erklärt er, warum technische Machbarkeit allein kein ausreichendes Entscheidungskriterium ist, weshalb Zahnerhalt nicht um jeden Preis sinnvoll sein muss und warum die persönliche Situation des Patienten in die Therapieplanung gehört.
Herr Dr. Steinmann, wann ist ein Implantat technisch möglich, aber trotzdem nicht die beste Entscheidung?
Ganz eindeutig: wenn der eigene Zahn noch sinnvoll erhalten werden kann.
Implantate sind heute in sehr vielen Situationen möglich, vorausgesetzt, es ist ausreichend Knochen vorhanden oder die entsprechenden Voraussetzungen können geschaffen werden. Die technische Machbarkeit allein sagt aber noch nichts darüber aus, ob eine Implantation für den Patienten tatsächlich die beste Lösung ist.
Es kann allgemeinmedizinische Gründe geben, die gegen einen Eingriff sprechen. In anderen Fällen wäre ein umfangreicher Knochenaufbau notwendig oder es müsste mit ästhetischen Kompromissen gerechnet werden, während der eigene Zahn noch eine vertretbare Prognose hat. Dann kann der natürliche Zahn die bessere Lösung sein.
Für mich lautet die Frage deshalb nicht: Können wir implantieren? Sondern: Welche Behandlung ist in dieser konkreten Situation sinnvoll und langfristig gut vorhersehbar?
Wie entscheiden Sie, ob ein stark geschädigter Zahn noch erhalten werden sollte?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten.
Entscheidend ist, wie stark der Zahn vorgeschädigt ist und welche langfristige Prognose wir ihm realistisch geben können. Gleichzeitig muss man die persönliche Situation des Patienten berücksichtigen.
Nicht jeder Patient kann oder möchte eine Implantatbehandlung unmittelbar durchführen lassen. Zeitliche Möglichkeiten, berufliche oder private Umstände und auch finanzielle Aspekte können eine Rolle spielen. Darüber sollte man offen sprechen.
Umgekehrt gibt es Patienten, für die eine möglichst stabile und gut planbare Versorgung besonders wichtig ist. Wenn ein Zahn stark vorgeschädigt ist und seine langfristige Stabilität nur schwer einzuschätzen ist, kann ein Implantat irgendwann die verlässlichere Alternative sein.
Bedeutet Zahnerhalt also nicht automatisch, einen Zahn möglichst lange zu behalten?
Nein, das ist nicht die Bedeutung von Zahnerhalt.
Natürlich hat der Zahnerhalt für mich einen hohen Stellenwert. Aber Zahnerhalt ist nicht automatisch dann erfolgreich, wenn es gelingt, einen Zahn noch möglichst lange im Mund zu belassen.
Mit zunehmender Berufserfahrung habe ich gelernt, die Prognose und die Situation des Patienten stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Als junger Zahnarzt versucht man mitunter, einen Zahn nahezu um jeden Preis zu erhalten, weil man davon ausgeht, dem Patienten damit grundsätzlich etwas Gutes zu tun.
Heute sehe ich das differenzierter. Ich berücksichtige stärker, wie der Befund tatsächlich einzuschätzen ist, was der Patient möchte und welche Anforderungen sein Alltag an die Versorgung stellt.
Es gibt Patienten, die sagen: „Ich möchte diesen Zahn unbedingt erhalten. Wenn etwas passiert, komme ich kurzfristig wieder.“
Andere sind beruflich stark eingebunden, viel unterwegs oder wünschen sich vor allem eine Lösung, mit der möglichst wenig unvorhersehbare Probleme verbunden sind. In einer solchen Situation kann ein Implantat unter Umständen die besser planbare und langfristig verlässlichere Therapie sein.
Ist der eigene Zahn grundsätzlich besser als ein Implantat?
Ein Implantat kann einen fehlenden Zahn funktionell sehr gut ersetzen. Es bleibt aber ein Ersatz.
Der natürliche Zahn besitzt im Bereich seiner Wurzel Rezeptoren, über die beispielsweise Druck sehr differenziert wahrgenommen wird. Auch Temperaturempfindungen unterscheiden sich. Bei einem Implantat ist dieses Empfinden anders.
Deshalb hat der Erhalt des natürlichen Zahnes für mich grundsätzlich Priorität, solange er medizinisch sinnvoll und mit einer vertretbaren Prognose möglich ist.
Was halten Sie von Konzepten wie „Zähne an einem Tag“?
Das Konzept an sich ist nicht grundsätzlich falsch.
Kritisch wird es aus meiner Sicht dann, wenn erhaltungsfähige oder sogar gesunde Zähne entfernt werden, damit ein bestimmtes Versorgungskonzept umgesetzt werden kann.
Ich bin Fachzahnarzt für Parodontologie. Der Erhalt der eigenen Zähne ist deshalb ein wesentlicher Teil meines Behandlungsverständnisses.
Solange ein Zahn sinnvoll erhalten werden kann, versuche ich das. Wenn die Möglichkeiten des Zahnerhalts ausgeschöpft sind und ein Zahn nicht mehr sinnvoll erhalten werden kann, ist ein Implantat eine sehr gute Möglichkeit, wieder einen festsitzenden Zahnersatz zu ermöglichen.
Entscheidend ist deshalb nicht die Geschwindigkeit der Versorgung. Schnelligkeit darf nie das alleinige Kriterium für eine Behandlungsentscheidung sein.
Was bedeutet das konkret für die Entscheidung des Patienten?
Es geht weder darum, möglichst viele Zähne zu erhalten, noch darum, möglichst frühzeitig zu implantieren.
Zunächst braucht es eine realistische Einschätzung der Prognose des Zahnes. Ebenso wichtig ist die Frage, welche implantologische Versorgung möglich wäre und welche Anforderungen der Patient selbst an die Behandlung stellt.
Zwei medizinisch ähnliche Ausgangssituationen können deshalb durchaus zu unterschiedlichen Entscheidungen führen. Der Grund dafür ist nicht Beliebigkeit, sondern die Tatsache, dass wir nicht nur einen Zahn behandeln, sondern einen Patienten mit einer individuellen Lebenssituation.
Fazit: Entscheidend ist die langfristig sinnvolle Lösung
Die Entscheidung zwischen Zahnerhalt und Implantat lässt sich nicht auf eine einfache Regel reduzieren.
Solange ein natürlicher Zahn sinnvoll erhalten werden kann und seine Prognose vertretbar ist, hat der Zahnerhalt für Dr. Dirk Steinmann grundsätzlich Priorität.
Ist ein Zahn jedoch stark vorgeschädigt und seine langfristige Stabilität nur schwer vorhersehbar, kann ein Implantat die besser planbare und verlässlichere Lösung sein.
Gute Implantologie beginnt deshalb nicht mit der Frage, welches Implantat eingesetzt werden soll.
Sie beginnt mit der Frage, ob ein Implantat in der jeweiligen Situation überhaupt die richtige Entscheidung ist.
Zum Autor: Dr. Dirk Steinmann ist Fachzahnarzt für Parodontologie, DG PARO-Spezialist für Parodontologie und Gutachter für Parodontologie. Darüber hinaus verfügt er über langjährige Erfahrung in der Implantologie.
2002 erhielt er die Gebietsbezeichnung „Fachzahnarzt für Parodontologie“, 2003 wurde er zum Spezialisten der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie ernannt. Seit 2009 führt er gemeinsam mit Dr. Michael Bauer die Fachpraxis am Frauenplatz im Zentrum von München. Seine fachlichen Schwerpunkte liegen in der Parodontologie, dem langfristigen Zahnerhalt und der Implantologie. Bei implantologischen Behandlungen stehen für ihn eine sorgfältige Indikationsstellung, die langfristige Prognose und eine auf den einzelnen Patienten abgestimmte Planung im Vordergrund.
Quellen:
Fragen und Antworten zur Entscheidung für Zahnerhalt oder Zahnimplantat
Ist ein Implantat besser als der eigene Zahn?
Nicht grundsätzlich. Ein Implantat kann einen fehlenden Zahn funktionell sehr gut ersetzen, bleibt biologisch aber ein Ersatz. Solange ein natürlicher Zahn sinnvoll erhalten werden kann und seine Prognose vertretbar ist, hat der Zahnerhalt für mich Priorität.
Wann ist ein Implantat sinnvoller als der Zahnerhalt?
Wenn ein Zahn stark vorgeschädigt und seine langfristige Stabilität nur schwer vorhersehbar ist, kann ein Implantat die verlässlichere Lösung sein. Entscheidend ist die Prognose – nicht der Zahnerhalt um jeden Preis.
Kann ein stark geschädigter Zahn noch erhalten werden?
Das hängt vom Befund und von seiner langfristigen Prognose ab. Entscheidend ist nicht allein, ob ein Zahn noch behandelt werden kann, sondern ob sein Erhalt für den Patienten auch langfristig sinnvoll ist.
Wer entscheidet zwischen Zahnerhalt und Implantat?
Das ist eine gemeinsame Entscheidung von Behandler und Patient. Grundlage sind der medizinische Befund, die Prognose des Zahnes, die implantologischen Möglichkeiten und die individuelle Situation des Patienten.