Nicht die Bakterien allein entscheiden – sondern Ihr Immunsystem.
Parodontitis gehört zu den häufigsten Ursachen für Zahnverlust im Erwachsenenalter – und dennoch wird sie oft erst erkannt, wenn bereits Schäden entstanden sind. Im Interview erklärt Felix Rombach, M.Sc., Zahnarzt mit den Schwerpunkten Parodontologie und Implantattherapie in der Fachpraxis am Frauenplatz in München, warum blutendes Zahnfleisch niemals normal ist, welche Patienten er besonders aufmerksam untersucht und weshalb die Nachsorge für den langfristigen Erfolg so wichtig ist.
Das Wichtigste in Kürze
Parodontitis verläuft häufig lange ohne Schmerzen. Zahnfleischbluten, Mundgeruch, Zahnfleischrückgang oder lockere Zähne können Warnzeichen sein. Besonders aufmerksam sollten Menschen mit Diabetes sowie Raucherinnen und Raucher sein. Biofilm, Immunreaktion und persönliche Risikofaktoren entscheiden gemeinsam über den Verlauf einer Parodontitis. Eine frühzeitige Behandlung und eine regelmäßige unterstützende Parodontitistherapie können dazu beitragen, Entzündungen zu kontrollieren und Zähne langfristig zu erhalten.
Herr Rombach, welche Diagnose eines anderen Facharztes lässt Sie sofort aufhorchen, weil Sie wissen: Dieser Patient braucht dringend eine parodontologische Untersuchung?
Ganz klar Diabetes mellitus. Aber auch Raucher gehören zu den Patienten, bei denen wir immer besonders genau hinschauen. Darüber hinaus achten wir auf Menschen mit einem geschwächten Immunsystem oder chronischen Entzündungserkrankungen. Wer beispielsweise an chronisch entzündlichen Darmerkrankungen leidet oder eine Krebserkrankung hat, bringt häufig Risikofaktoren mit, die auch die Mundgesundheit beeinflussen können.
Gibt es Medikamente, die Sie schon am Zahnfleisch erkennen, noch bevor der Patient sie erwähnt?
Ja, durchaus. Bestimmte Blutdruckmedikamente wie Kalziumantagonisten oder einige Antiepileptika können zu Zahnfleischwucherungen führen. Das fällt bei der Untersuchung oft sofort auf. Auch Medikamente, die Mundtrockenheit verursachen, verändern das orale Milieu und können sich indirekt negativ auf die Mundgesundheit auswirken.
Was denken Sie, wenn ein Patient trotz perfekter Mundhygiene eine immer schlimmer werdende Parodontitis entwickelt?
Dann suchen wir nach anderen Ursachen. Häufig spielen bestimmte besonders aggressive Bakterien eine Rolle. Noch wichtiger ist aber die individuelle Reaktion des Immunsystems. Zwei Patienten können nahezu dieselbe bakterielle Belastung haben und trotzdem völlig unterschiedlich erkranken. Gerade bei jüngeren Patienten mit schweren Verläufen vermuten wir oft hochpathogene anaerobe Keime, die eine besonders starke Immunreaktion auslösen.
Wie erkennen Sie eine Parodontitis, wenn der Patient selbst noch gar nichts bemerkt?
Bei uns erhält jeder Patient eine vollständige parodontologische Basisdiagnostik. Dazu gehören die Messung der Zahnfleischtaschen an jedem Zahn, die Kontrolle der Furkationen zwischen den Zahnwurzeln, die Prüfung der Zahnbeweglichkeit sowie das sogenannte Bleeding on Probing – also ob das Zahnfleisch bereits bei leichter Sondierung blutet. Ergänzt wird das Ganze durch Röntgenaufnahmen.
Schon erhöhte Sondierungstiefen und Blutungen liefern oft sehr deutliche Hinweise. Manchmal verrät die Erkrankung sich sogar durch ihren typischen Geruch.
Unterscheidet sich eine Parodontitis bei einem 35-Jährigen von der eines 60-Jährigen?
Das Alter allein sagt erstaunlich wenig aus. Entscheidend ist immer die individuelle Immunreaktion des Körpers. In der modernen Klassifikation wird die Parodontitis nach Stadium und Grad eingeordnet. Das heißt, wir beschreiben anhand von Schwere und Komplexität das Stadium und anhand der Progressionsgeschwindigkeit den Grad der Parodontitis. Ältere Patienten haben häufig über Jahre entstandene Verläufe. Jüngere Patienten mit einer fortgeschrittenen Parodontitis zeigen dagegen oft eine sehr ausgeprägte Entzündungsreaktion.
Viele Patienten glauben, die Behandlung sei mit der Tiefenreinigung abgeschlossen. Warum ist die Nachsorge so wichtig?
Tatsächlich beginnt der entscheidende Teil der Therapie erst danach. Wir begleiten unsere Patienten über ein strukturiertes Nachsorgeprogramm und erinnern sie regelmäßig an ihre Termine. Das umfasst professionelle Zahnreinigungen, erneute Taschenmessungen, Kontrollen und unterstützende Parodontitistherapien.
Parodontitis ist eine chronische Erkrankung. Wer konsequent betreut wird und mitarbeitet, kann sie jedoch sehr gut kontrollieren und seine Zähne oft langfristig erhalten.
Wie läuft diese Nachsorge bei Parodontitis konkret ab?
Nach der Basisdiagnostik erfolgt zunächst eine professionelle Reinigung oberhalb des Zahnfleisches. Anschließend reinigen wir die Wurzeloberflächen unter Betäubung in der Tiefe. Danach kontrollieren wir das Ergebnis und beginnen nach etwa drei Monaten mit der sogenannten unterstützenden Parodontitistherapie.
Wie häufig Patienten kommen müssen, hängt vom individuellen Risiko ab. Besonders schwere Fälle – etwa starke Raucher oder schlecht eingestellte Diabetiker – sehen wir alle vier Monate wieder.
Welcher Mythos rund um die Parodontitis begegnet Ihnen im Praxisalltag immer wieder?
Viele sprechen noch von „Parodontose“. Medizinisch korrekt heißt die Erkrankung aber Parodontitis, weil es sich um eine Entzündung handelt. Ebenso häufig hören wir die Sorge, die Erkrankung sei ansteckend. Das stimmt so nicht. Entscheidend ist vielmehr, wie der eigene Körper auf die vorhandenen Bakterien reagiert.
Und wer eine frühe Parodontitis hat, muss keineswegs damit rechnen, bald alle Zähne zu verlieren. Mit einer guten Betreuung lässt sich die Erkrankung meist hervorragend kontrollieren.
Früher kamen bei Parodontitis häufig Antibiotika zum Einsatz. Hat sich das geändert?
Ja, deutlich. Antibiotika werden heute nicht mehr automatisch bei jeder Parodontitis eingesetzt. Sie können in bestimmten Fällen zusätzlich sinnvoll sein, zum Beispiel wenn die Erkrankung sehr schnell voranschreitet. Ob ein Antibiotikum notwendig ist, entscheiden wir immer individuell – abhängig vom Befund, vom persönlichen Risiko und davon, ob der erwartete Nutzen mögliche Nebenwirkungen überwiegt.
Wenn Sie bei Ihren Patienten nur eine einzige Verhaltensänderung bewirken könnten – welche wäre das?
Wenn sie rauchen: sofort aufhören.
Und unabhängig davon wünsche ich mir vor allem eines: dass Patienten verstehen, wie wichtig ihre Mitarbeit ist. Regelmäßige Nachsorgetermine, eine gute häusliche Mundhygiene und das Vertrauen in den Behandlungsprozess machen den größten Unterschied.
Mundspüllösungen allein lösen das Problem nicht. Entscheidend ist die richtige Technik beim Zähneputzen und die professionelle Begleitung.
Spielt Ernährung ebenfalls eine Rolle?
Die Forschung deutet darauf hin. Eine sehr zuckerreiche und ungesunde Ernährung kann Entzündungsprozesse verstärken. Wer sich ausgewogen ernährt, Sport treibt oder sich regelmäßig bewegt und auf Nikotin verzichtet, unterstützt sein Immunsystem. In Kombination mit einer sorgfältigen häuslichen Mundhygiene kann er damit insgesamt bessere Voraussetzungen für eine stabile Mundgesundheit schaffen. Ernährung ist zwar nicht die alleinige Ursache einer Parodontitis, sie beeinflusst aber durchaus den Verlauf.
Warum ignorieren so viele Menschen blutendes Zahnfleisch?
Eigentlich sollte das gar nicht passieren. Wenn Patienten regelmäßig zur Kontrolle kommen, ist es unsere Aufgabe als Behandler, auf solche Warnsignale hinzuweisen und die Ursache zu finden. Blutendes Zahnfleisch ist kein Normalzustand, sondern immer ein Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt.
Gibt es einen Moment, in dem Patienten plötzlich verstehen, warum die Behandlung so wichtig ist?
Ja, den erleben wir sehr häufig. Schon wenige Tage nach der ersten professionellen Reinigung blutet das Zahnfleisch deutlich weniger, Schwellungen gehen zurück und viele berichten, dass der Mund sich frischer anfühlt oder Mundgeruch verschwindet. Nach der Tiefenreinigung wird das Zahnfleisch oft wieder straff und gesund. Spätestens dann erkennen viele, wie groß der Unterschied ist – und bleiben motiviert. Parodontitis bleibt jedoch eine chronische Erkrankung mit einem langfristig erhöhten Wiedererkrankungsrisiko. Die unterstützende Parodontitistherapie ist deshalb so wichtig für eine dauerhafte Stabilisierung.
Welche Entwicklungen sehen Sie aktuell in der Forschung bei Parodontitis?
Ein großes Thema ist die Rolle des Immunsystems. Wir verstehen heute viel besser, dass nicht allein die Bakterien entscheidend sind, sondern wie der Körper darauf reagiert.
Spannend sind außerdem Studien zu Probiotika, insbesondere zu Lactobacillus reuteri. Erste wissenschaftliche Arbeiten zeigen, dass sie das bakterielle Gleichgewicht im Mund positiv beeinflussen und die Behandlung sinnvoll unterstützen können.
Fazit
Parodontitis ist weit mehr als eine Erkrankung des Zahnfleisches. Sie ist ein komplexes Zusammenspiel aus Bakterien, Immunsystem und individuellen Risikofaktoren. Die gute Nachricht: Wer sie früh erkennt und konsequent behandeln lässt, hat heute hervorragende Chancen, seine natürlichen Zähne dauerhaft zu erhalten. Moderne Parodontologie bedeutet deshalb nicht nur Therapie – sondern vor allem langfristige Begleitung und Prävention.